Herzlich willkommen bei ThQ – die theologische Quartalschrift aus Tübingen
Unsere aktuelle Ausgabe 2/2026
zum Themenheft »Antisemitismus und Theologie« mit folgenden ausgewählten Beiträgen:
Editorial
Stephan Winter / Thomas Jürgasch
Die kritische Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Persistenz und neuen Sichtbarkeit des Antisemitismus gehört zu den zentralen Herausforderungen dieser Zeit, nicht erst, aber doch in besonderer und akuter Weise seit dem 7. Oktober 2023. Antisemitische Einstellungen und Ressentiments zeigen sich dabei nicht nur in offen judenfeindlichen Äußerungen oder extremistischen Milieus, sondern ebenso in subtilen und codierten Formen, die eine höhere gesellschaftliche Anschlussfähigkeit ermöglichen.
Antisemitism is escalating dramatically within cultures and societies around the globe. After two generations in the post-Holocaust era – during which hatred towards Jews and Judaism, the Jewish state, and Jewish culture, was somewhat delegitimized, and in many countries even forbidden or restricted by the law, it is now reemerging in multifaceted versions and forms. These include “classic” right-wing antisemitism, flirting with racism and Nazi ideas and symbols, sometimes intertwined in a twisted manner with strong support for the State of Israel and what is perceived as its war against Islamic forces and anti-Western civilizations; left-wing progressive antisemitism, which in many instances is dressed in political and social garments, blurring the line between legitimate, sharp criticism of Israel’s policies and wars on the one hand, and a principal delegitimization of Jewish political life altogether on the other; radical Islamic hatred of Jews and Jewish religion, rooted in problematic aspects of the Qu’ran and later Islamic literature; and, not least, classical Christian-based antisemitism.
Insgesamt lässt sich die Geschichte des jüdisch-christlichen Dialogs einerseits als Geschichte hoffnungsvoll stimmender Fortschritte lesen, andererseits ist dieser Dialog immer wieder mit enttäuschenden Rückschlägen konfrontiert.
Hier die ausgestreckte Hand des Aufklärers und observanten Juden Moses Mendelsohn, der früh für die gegenseitige Anerkennung und für Religionspluralität eintrat, dort die Konversionsforderung des eifernden evangelischen Pastoren Johann Caspar Lavater aus der Mehrheitsgesellschaft. Aber es gab auch Gotthold Ephraim Lessings erfolgreiches Bühnenstück „Nathan der Weise“.
Simone Weils Kritik der Moderne im Kontext christlicher Judenfeindschaft
1. Einleitung
Simone Weil (1909–1943) ist eine faszinierende Philosophin, die die Mechanismen von Unterdrückung in industrieller Fabrikarbeit analysiert und religiöse mystische Traditionen in ihre Forderungen nach humaneren Arbeitsbedingungen einbringt. Das Œuvre Weils spricht dafür, dass sie bis zu ihrem Lebensende und unter schwierigen persönlichen und politischen Bedingungen auf der Suche nach Erklärungen für die „Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung“ war. In ihren letzten Lebensjahren sind es zunehmend religiöse Traditionen – aus Buddhismus, Judentum, Agnostizismus, Platonismus, aber vor allem des Christentums – die Weil zur Deutung und Kritik ihrer Gegenwart nutzt.